Ich gestehe, das Zeichnen ist notwendig.

Es folgt dem Bedürfnis Eigenem nachzugehen. Das Eigene betrifft auch andere, es ist von allgemeinem Interesse.

 

Ich möchte mich nicht mit Sachen beschäftigen die erledigt werden können.

Was ich nicht abgeschlossen habe, lässt mich nicht los. Es hält an mir fest und hält mich in Bewegung.

 

Das Zeichnen lässt sich nicht erledigen. Das Zeichnen geht immer weiter und kommt zu keinem Abschluss. Aus der einen Zeichnung folgen neue Zeichnungen. Für die neuen Zeichnungen brauche ich die Erfahrung aus den vorangegangenen Zeichnungen.

 

Das Zeichnen ist Umsetzen von Energie auf dem Papier. Energie ist der Antrieb meines Körpers. Das Machen verbraucht meine Energie und generiert neue Aufgaben. Die Aufgaben bleiben nicht innerhalb der Zeichnung. Sie können beim Zeichnen angegangen werden oder auch an Orten ausserhalb der Zeichnung. Die Aufgaben, die beim Zeichnen entstehen, können an verschiedenen Stellen im Leben angegangen werden.

 

Die Zeichnung ist ein Ort.

 

Das Zeichnen erfordert Konzentration. Es gilt sich aus der Vielförmigkeit der Welt auf etwas zu beschränken, eine Entscheidung zu treffen und Stellung zu nehmen. Sich zu entscheiden bedeutet, sich von den anderen Möglichkeiten zu befreien.

 

Beim Zeichnen bin ich von anderem befreit, befreit von dem, was nicht Zeichnung ist. Das Zeichnen erweitert den Raum. Es erweitert den Raum um den Ort der Zeichnung. Am Ort der Zeichnung entwickelt sich der Raum in die Tiefe. Der Ort der Zeichnung besteht aus Schichten.

 

Im erweiterten Raum sind grössere Bewegungen möglich. Das Zeichnen verschafft mir Freiheit. Die Freiheit ist Anlass zum Bild. Im Bild entsteht Neues.

 

Beim Zeichnen heisst frei sein, keine kleinen Absichten haben. Über der Zeichnung liegt eine grössere, unsichtbare Zeichnung, die Vorstellung, das Gespür für die Zeichnung. Diese übergreift das Papier und schafft den Raum, in dem die Zeichnung entsteht. Die grössere, darüberliegende Zeichnung nehme ich als Grundlage. Eine Umkehrung.

Die Grundlage kann ich in der Vorstellung anschauen. Das Bild das ich das sehe, hinterlässt einen Eindruck. Der Eindruck ist die Spur der ich folge. Die grössere Zeichnung soll sich in der darunterliegenden Zeichnung ablegen.

Dies ist meine Absicht.

 

Das Kleine ist nicht unbedingt weniger gross als das Grosse. Damit das Kleine nicht kleinlich daherkommt, braucht es genügend Raum. Auch das Grosse beansprucht viel Platz. Das Kleine kann auch im Grossen vorkommen. Und das Grosse hat im kleinen Platz.

 

Meine Haltung zur Zeichnung kommt mit auf das Papier. Sie ist das erste was es zu bedenken gilt. Ich habe eine Absicht.

 

Ich bin frei. Durch Freiheit entsteht Verantwortung. Ich muss wissen, was ich will. Ich muss tun, was ich will. Was ich tun muss, will ich.

 

Frei sein heisst, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Die Freiheit ist ein Ort im Raum. Die Freiheit ist ein Ort. An Orte kann ich mich begeben. Am Ort der Freiheit stehe ich vor einer Entscheidung. Am Ort der Freiheit gibt es keine beliebigen Möglichkeiten, ich muss mich entscheiden, ich habe keine Wahl. Wenn ich mich entscheide, ist der Weg nicht vorgespurt. Zur Entscheidung führt kein Weg. Die Entscheidung liegt in der Freiheit. Die Entscheidung ist meine Freiheit.

 

Dinge ereignen sich auch da, wo ich sie nicht sehe.

 

Es geht mir nicht darum, Unsichtbares sichtbar zu machen. Ich stelle mich beim Zeichnen nahe auf die Dinge ein. Ich kümmere mich um ihre Eigenschaften.

 

Mit den Dingen, mit denen ich mich beschäftige, halte ich mich auf. Sie sind gemacht und gehören zu den Menschen. Die Dinge sind da und an ihre Formen gebunden. Die Dinge sind Einzelheiten, sie stehen jeweils einzeln da. Damit wir sie nicht einzeln sehen, stellen wir sie in einen Zusammenhang.

 

Der Zusammenhang, in dem wir die Dinge stehen sehen, ist die Wirklichkeit. Und erzeugt die Wirklichkeit. Die Dinge werden von den Menschen zu einem Zweck hergestellt. In Wirklichkeit sind die Dinge so mit ihrem Zweck verbunden.

 

Beim Zeichnen nehme ich die Dinge als solche aus ihrem Zusammenhang und betrachte sie. Ich löse sie aus dem Zusammenhang , in dem sie in Wirklichkeit stehen. In der Zeichnung stehen die Dinge gesondert von ihrem Zusammenhang. Die Zeichnung ist eine Möglichkeit, die Dinge gesondert zu behandeln. In der Zeichnung lösen sich die Dinge von ihrem Zweck. Sie werden einzeln gestellt. Das Einzel-Stellen der Dinge macht Entwicklung möglich. Es entsteht mehr Raum.

 

In der Freiräumen geschieht nicht das, was sich ausdenken lässt. In den Freiräumen geschieht, was sich nicht ausdenken lässt. In den Freiräumen spielt sich das bildnerische Denken ab. Das bildnerische Denken ist das Denken, das Bilder entstehen lässt. Es bildet Bilder.

 

Ich ziehe die Dinge nicht aus meiner Phantasie. Ich will auch nicht an Erfindungen glauben. Ich glaube nicht an Erfindungen. Beim Zeichnen entsteht etwas, es findet eine Entwicklung statt. Am Ort der Zeichnung gibt es Raum für Entwicklung. Es entwickelt sich ein Bild. Diese Entwicklung braucht meine Aufmerksamkeit.

 

Es gibt unterschiedliche Arten von Aufmerksamkeit. Meine Aufmerksamkeit für die Zeichnung ist gerichtet. Sie ist das genaue Hinschauen und Mitverfolgen dessen, was entsteht. Sie geht hin und her, sucht eine Stelle abudn lässt dabei Raum für das, was entsteht.

Die gebündelte Aufmerksamkeit ist die Konzentration. Sie richtet sich auf eine Stelle und bleibt da stehen.

Die Aufmerksamkeit beim Zeichnen ist schweifend. Sie bewegt sich über dem Papier. Die Agen sind auf eine Stelle gerichtet und sehen dabei die ganze Zeichnung. Beim Zeichnen ist die Aufmerksamkeit nach innen und aussen gerichtet. Durch Aufmerksamkeit bin ich mit dem verbunden, was ausserhalb von mir ist.

 

Die Aufmerksamkeit beim Zeichnen ist das bildnerische Denken. Das Denken findet nicht nur in einer Weise statt. Es gibt unterschiedliche Arten zu denken. Das bildnerische Denken geschieht am Ort der Zeichnung. Am Ort der Zeichnung kann sich Neues entwickeln. Neu ist, was noch nicht da war.

 

In Wirklichkeit ist die Sicht auf die Dinge beschränkt. Die Sicht der Menschen auf die Dinge ist auf die Wirklichkeit beschränkt, in der wir die Dinge in Bezug zu ihrem Zweck sehen.

In dieser Wirklichkeit sind die Dinge festgelegt auf einen Zweck, mit dem wir sie verbunden sehen. Die Wirklichkeit, in der die Sicht auf die Dinge beschränkt ist, befindet sich ausserhalb der Zeichnung.

 

Die Zeichnung beginnt da, wo die beschränkte Sicht auf die Dinge aufhört. Sie soll da beginnen. Zeichnung ist, wo die Dinge nicht mehr das sind, als was sie sich gezeigt haben. In der Zeichnung können sich die Dinge lösen vom Bezug, in dem wir sie in der Wirklichkeit ausserhalb der Zeichnung stehen sehen.

 

Wenn die Dinge in die Zeichnung kommen, gelangen sie in die Wirklichkeit der Zeichnung und bewirken die Wirklichkeit der Zeichnung. Die Dinge verändern sich. Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit.

 

Ich will die Sicht auf die Dinge nicht verstellen, ich will sie beweglich machen. Ich will die Dinge zeigen, wie sie sich zeigen und wie sie sich verändern.

 

Das Zeichnen ist Umgang mit dem Gegebenen. Mit dem Gegebenen muss umgegangen werden. Ich nehme die Dinge wie sie mir erscheinen. Ich kann nicht anders. Ich sehe die Dinge, wie ich sie vorfinde. Wie die Dinge sind, wenn ich sie nicht sehe, weiss ich nicht.

 

Es gibt eine Wirklichkeit, die uns alle verbindet. An diese Wirklichkeit ist mein Körper gebunden. In der Wirklichkeit bin ich gebunden. In der Wirklichkeit bin ich gebunden. In Gedanken bin ich frei. In der Wirklichkeit bin ich frei.

 

Die Wirklichkeit ist das, was mir gegenüber ist, was da ist, in was ich drin bin, und wo ich wahrgenommen werde. Dies ist die Wirklichkeit, durch die ich die Dinge wahrnehme. Es ist die Wirklichkeit in der ich die Dinge wahrnehme, ohne dass ich sie mir vorstellen muss.

 

Ich sehe die Gegebenheiten. Ich sehe die Dinge im Zustand, in dem ich sie vorfinde. Der Zustand ist ein Moment in einem Verlauf. Die Wirklichkeit verändert sich. Die Wirklichkeit verändert mich.

 

Das Foto. Das Foto hält einen Zustand fest. Ich mache Fotos, um mich auf etwas Gesehenes berufen zu können. Das Foto ist die Speicherung eines Zustandes in der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist ein Moment. Das Foto ist eine Ablichtung der Wirklichkeit. Das Foto ist eine Zeichnung des Lichts. Das Foto ist die Vorlage für meine Zeichnung.

 

Das Foto bildet ein Stück Wirklichkeit ab. Es bildet ienen Teil ab und zeigt einen Moment. Das Foto ist ein Abbild der Wirklichkeit. Das Abbild ist das Vorbild meiner Zeichnung. Das Vorbild ist das, was vor dem Bild da ist. Das Vorbild ist die Grundlage der Zeichnung. Das Vorbild ist das Bild, aus dem sich etwas Neues entwickelt. Das Neue entwickelt sich in der Zeichnung. Die Zeichnung soll sich zum Bild entwickeln.

 

Meine Zeichnung ist ein Bild. Ein Bild zeigt Entwicklung. Bevor etwas zum Bild wird, durchläuft es eine Entwicklung. Die Entwicklung geschieht in der Zeichnung. Die Entwicklung ist eine Bewegung. Die Bewegung wird im Bild manifest. Das Bild hält eine Bewegung fest, es zeigt, dass die Dinge in Bewegung sind und festgehalten werden.

 

Das Foto ist die Vorlage aufgrund der das Zeichnen geschieht. Die Zeichnung entsteht durch Bewegung.

 

Die Vorlage weckt eine Vorstellung, was in der Zeichnung entstehen kann, eine Erwartung. Das was beim Zeichnen tatsächlich entsteht, ist nicht, was ich mir vorgestellt habe. Die Zeichnung erfüllt nicht die Erwartung. Die Zeichnung soll keine  Erwartungen erfüllen.

 

In der Zeichnung können sich die Dinge neu bilden. Das, was sich bildet, kann im voraus nicht erdacht werden. Ich weiss, was ich tue, ich weiss aber nicht, das dabei herauskommt. Durch die Ereignisse auf dem Papier entsteht etwas Neues. Das Neue ist das Unvorhergesehene, das mit der Zeichnung entsteht.

 

Beim Zeichnen habe ich eine Absicht.

Beim Verfolgen der Absicht geschieht Zusätzliches. Etwas kommt hinzu. Es ist das Unbeabsichtigte, das beim Zeichnen geschieht. Es ereignet sich in der Zeichnung. Es ereignet sich an der Rändern der Zeichnung. Die Zeichnung besteht aus Schichten. So gibt es auch Ränder, inmitten der Zeichnung. Die Ränder müssen beachtet werden.

 

Der Ort der Zeichnnung ist eine freier Raum.

 

Ich sehe das Foto als Tatbestand. Der Tatbestand zeigt die Dinge auf, wie sie sind. An diese Aufzeichnungen halte ich mich und übersetzte sie auf das Papier. Das Foto ist der Grund , auf dem die Zeichnung baut. Das Foto ist die Bedingnung zur Entwicklung der Zeichnung. Die Zeichnung soll zum Bild werden.

Das Zeichnen ist eine Übersetzung. Beim Übersetzen fallen Dinge weg und andere kommen hinzu. Dort, wo sich etwas Eigenens zu bilden beginnt, wird die Zeichnung Bild. Meine Zeichnung ist ein Bild. Das Bild entsteht, wenn sich beim Übersetzen, auf dem Papier etwas Neues bildet. Dem, was sich abbildet, muss genügend Raum gelassen werden.

 

Beim Übersetzen auf dem Papier werden die Dinge von ihrem Zusammenhang abgezogen. Abstraktion. Die Abstraktion ist eine Vereinfachung.

In Linien und Flächen gelangen die Dinge auf das Papier. Die Dinge kommen in den Ort der Zeichnung. Die Abstraktion erlaubt den Dingen, etwas Eigenständiges zu werden. Am Ort der Zeichnung gibt es Freiraum. Die Dinge kommen in Bewegung. Sie entwickeln sich. Der Freiraum ist ein Ort der Möglichkeiten. Die Zeichnung ist eine Anlage zur Entwicklung der Dinge. Die Zeichnung ist ein Bild. Zu Bildern haben wir Zugang.

 

Ich kann mich an den Ort des Bildes begeben. Der Körper tritt in den Bildraum ein. Eine Grenze des Bildes ist der Bildrand. Der Ort des Bildes läuft über den Rand des Bildes hinaus. Er entwicklet sich in den Bildraum.

Das Bild ist ein Ort. Die Grenze des Ortes ist auf dem Bild nicht sichtbar. Ich weiss nicht wo die Grenze des Bildes liegt.

 

Die Grenze des Bildes ist am Ende der Welt. Die Grenze des Bildes ist die Grenze der Welt.

 

Eine Zeichnung muss kontrastreich sein. Sie darf nicht nur eine Seite zeigen. Kontraste setzen heisst, Gegensätze nebeneinader zu stellen. In der kontrastreichen Zeichnung sind Gegensätze zueinander in Beziehung gebracht.

Gegesätze halten zusammen das Gleichgewicht. Das Gleichgewicht findet in einem Spielraum statt. Für das Gleichgewicht braucht es Spielraum. Im Gleichgewicht kommt nicht von allen Teile gleich viel vor. Es gibt Teile die schwerer wiegen als andere. Die Zeichnung zeigt das Kräfteverhältnis von Gegensätzen. Es ist das Verhältnis der Kträfte das Raum bildet.

 

Am Ort der Zeichnung gibt es Raum.

 

Der Spielraum ist ein Raum, der nicht besetzt ist. Es ist ein freigehaltener Raum. Dort findet das bildnerische Denken statt. Es ist das Denken, das sich nicht vom Wissen aufhalten lässt. Es bildet. Es geht neue Wege.

 

Das Denken das sich vom Wissen aufhalten lässt, begnügt sich mit dem, was sicher ist und feststeht.

Das bildnerische Denken findet am Ort der Zeichnung statt. Es hat Zugriff auf die Möglichkeit zur Entwicklung, die in der Zeichnung liegt. Das bilderische Denken lässt Neues entstehen. Das bilderische Denken erweitert die Bildanlage um  Möglichkeiten. Es versetzt sich in die Struktur der Anlage. Es geht da die vorgeschlagenen Wege und geht dann weiter auf solchen, die noch nicht betreten sind. Die Entwicklung geschieht durch Überwindung. Beim Überwinden wird etwas durchlaufen und hinter sich gelassen. Überwinden heisst, mit einer Beschäftigung abschliessen und  Neues in Angriff nehmen.

 

Das Neue folgt nicht aus dem Alten. Die neuen Wege sind Abweichungen von Bekanntem. Die neuen Wege führen an Orte die noch unbekannt sind.

Beim Zeichnen ist die Aufmerksamkeit auf das Papier gerichtet. Ich mache mir bewusst, was vor sich geht. Ich verfolge die Entwicklung.

 

Den Ort der Zeichnung gibt es auch in meinem Kopf. Das Bewusstsein wird erweitert. In der Konzentration auf eine Stelle tritt, was ich kenne, in den Hintergrund. Was ich weiss, ist nicht mehr da. Am Ort der Konzentration ist mir das, was ich sehe neu.

 

Das Zeichnen ist Bewegung meines Körpers. Für die Zeichnung braucht es Energie. Das Zeichnen ist Umsetzen von Energie. Das Zeichnen verbraucht Energie. Die Zeichnung setzt Energie frei. Energie ermöglicht Bewegung. Die Bewegung ist die Energie, durch die die Zeichnung entsteht. Die Energie der Bewegung ist in der Zeichnung enthalten.

 

Beim Anschauen sieht der Körper in der Zeichnung die Energie der Bewegung. Der Körper kann die Energie nachvollziehen, beim Anschauen der Zeichnung. Das Nachvollziehen der Bewegung ist eine Handlung. Der Körper handelt in der Vorstellung. Beim Anschauen handelt der Körper. Das Anschauen ist das Erleben der Zeichnung.

 

Der Prozess des Sehens betrifft den ganzen Körper. Es ist der ganze Körper der sieht.

 

Sehen heisst auch mit dem Körper erfahren. Und Bilder werden im Bezug zum eigenen Körper angeschaut. Biler werden mit dem Körper angeschaut.

 

Das Bild ist ein Ort zu dem ich Zugang habe. Ich will Zugang haben. Ich habe Zugang.

 

Maja Rieder, Basel 2011