Von Räumen, Fährten und Spuren

Die Offenheit einer Zeichnung ermöglicht es, den graphischen Spuren nachzugehen, was beim Betrachter stärker als bei der geschlossenen Oberfläche eines Gemäldes das Gefühl hervorruft, die Entstehung der Zeichnung nachzuvollziehen. Mit dem Setzen von Zeichen und Marken auf der Fläche des Papiers wird Raum geschaffen, zugleich werden zeitliche Prozesse sichtbar gemacht. Der Betrachter folgt mit einem wandernden Blick den Markierungen, nicht nur aus dem Wunsch nach Verortung der Zeichnung in Zeit und Raum, sondern auch, um ihren Entstehungsprozess zu begreifen. Die neuesten Zeichnungen von Maja Rieder fordern ein solches nachvollziehbares Schauen geradezu heraus, wollen erkundet werden. Als Betrachter sieht man sich mit einem komplexen Gefüge aus Grundfläche, Linien, Schichten, Gerinnsel, Brüchen und Faltungen konfrontiert, das ein wanderndes Sehen verlangt. Die Verortung und Rekonstruktion des Entstehungsprozesses ist eine Herausforderung, stösst man in den Zeichnungen doch immer wieder an Grenzen, verliert sich in den Liniengefügen und Bildräumen. Das ist nicht bedrohlich, sondern überaus anregend.

Die locker an der Wand angebrachten Zeichnungen im Querformat, die Maja Rieder für das Freispiel geschaffen hat, erinnern an aufgeklappte Schachteln. Diese Assoziation entsteht wohl deshalb, weil sich der Herstellungsprozess der Zeichnung sichtbar niederschlägt.[1] Gedanklich faltet man im Rücklauf die Papierbögen entlang ihrer Falzungen wieder zum Körper. Als Ausgangspunkt dienten der Künstlerin eigene Grafitzeichnungen, die sie zwischen 2007 bis 2010 geschaffen hat. Die genässten Arbeiten hat sie anschliessend auf kubische Holzgestellte aufgezogen, die sie für die jeweiligen Papierformate angefertigt hatte. Die Holzgestelle geben die Bedingungen vor und unterteilen die aufgespannten Papierbögen in acht Flächen, die je einzeln bearbeitet werden. Auf die Flächen trägt Maja Rieder unterschiedlich breite Pinselzeichnungen mit schwarzer Tusche und stark verdünnter gelber Gouache auf. Dabei lässt sie sich von den bestehenden Grafitzeichnungen lenken, nimmt Spuren auf, führt sie weiter, fügt neue dazu. Die Künstlerin bezeichnet die Flächen mit Diagonalen, die sich kreuzen, zieht horizontale und vertikale Linien. Hinzu kommen feine Rinnsale, die sich über die Flächen hinabzustürzen scheinen. Sie entstehen „unbewacht“, wenn Maja Rieder den Pinsel an der Papierkante aufsetzt und die Farbe auch auf der anderen Seite herunterfliesst. An den Gerinnsel lässt sich der Arbeitsprozess besonders eindrucksvoll ablesen. Male über Zeichnung nennt die Künstlerin die eine Werkgruppe; der doppeldeutige Titel kann einerseits in Bezug auf das Übermalen der bestehenden Zeichnungen gelesen werden, andererseits bedeuten die „Male“ auch „Zeichen“. Die andere Zeichenserie heisst Juxtapose, zu Deutsch „nebeneinanderstellen“, womit nochmals auf den räumlichen Aspekt der Zeichnungen verwiesen wird.

Ein besonderes Moment kommt der Abnahme des Papiers vom Gestell und dem Ausbreiten auf der Fläche zu, dann erst gewinnt die Künstlerin eine Übersicht der ganzen Zeichnung. Diese Praxis erinnert an das von den Surrealisten entwickelte Spiel „Cadavre Exquis“, bei dem mehrere Personen an einer Zeichnung arbeiten, ohne dass der vorherige Mitspieler sieht, was gezeichnet wurde. Das Blatt wird jeweils gefaltet, sodass nur die Ansätze für den nächsten Abschnitt sichtbar werden. Beim Entfalten des Papiers zeigen sich dann surreale, oft skurrile Zeichnungen. Bei Maja Rieder ist es das Holzgestell, das die Falze, Brüche, „falschen“ Laufrichtungen der Gerinnsel oder über das Format hinausgehenden Diagonalen provoziert. Die bearbeiteten Flächen zeigen letztlich je eigene Zeichnungen, die fragmentarisch auf dem Papierbogen in der Gesamtschau neu zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Die äusseren Zeichnungen werden zum Fries, zum Rahmen, der die beiden grossen Bildräume umgibt. Unterschiedliche Eindrücke von Räumen, Bildtiefen entstehen und motivieren eine nie endende Seharbeit.

Vor den grossformatigen Arbeiten wird das Zeichnen als körperlicher, ja performativer Akt erlebbar. Überlegungen zu Geste, Bewegung und Raum prägen Maja Rieders künstlerisches Schaffen. Es geht um ein „körperliches Denken, das sich in ihren Zeichnungen vollzieht“[2]. Sie befragt die zeichnerischen Möglichkeiten, die Materialien und Arbeitsprozesse. Maja Rieder arbeitet mit dem Format, misst es durch körperliche Gesten aus. Dabei kann es sich um kleine Formate bis hin zu wandfüllende Installationen handeln. Stets bleibt die weisse Grundfläche des Papiers als Gegenkraft erhalten. Darauf schafft Maja Rieder mit strukturierten Flächen und übereinander geschichteten Farblasuren – Tusche, Grafitpulver oder gelber Gouache – neue Räume. Diese sind mal offen, mal dicht verschlossen, lösen sich auf und formieren sich neu. So auch in den im Freispiel präsentierten Zeichnungen, die einen verschachtelten Eindruck von Raum erzeugen und eine Vielfalt von Fährten legen, die verfolgt werden wollen, bis man sich in den Spuren und Bildräumen verliert. 



[1] Vgl. Stefanie Bringezu, „Maja Rieder“, Publikation Kunstkredit Basel-Stadt, Ausstellung Kunsthalle Basel, 2016

[2] Simon Baur, „Versuch über eine Zauberformel. Zu Maja Rieders Zeichnungen“, www.maja-rieder.ch