Raum Fläche Raum

Maja Rieders unbetitelte Zeichnungen rufen unwillkürlich die Assoziation von Häuten hervor. Das mag daran liegen, dass der Prozess der Herstellung sich im Bild so sichtbar niederschlägt. Die grossformatigen Bögen waren ursprünglich auf kubische Holzgestelle gespannt, deren Körper die Aufteilung des Formats in sechs Flächen bedingen. Diese Flächen hat Maja Rieder mit ihrer Pinselzeichnung in Form von sich kreuzenden Diagonalen markiert. Gerinnsel der in unterschiedliche Richtungen abgeflossenen schwarzen Farbe zeugen vom Drehen und Wenden des Kubus während der Bearbeitung. Diese Brüche innerhalb der Zeichnung werden erst nach der Abnahme vom Gestell in der Gesamtschau auf der Fläche sichtbar.

Die Auseinandersetzung mit Räumen, ihren Dimensionen und deren Bedeutung für das Bild und seinen Status verfolgt Maja Rieder seit Anbeginn ihrer künstlerischen Praxis. Die architektonischen Motive anfänglicher Arbeiten weichen bald einer ganz konkreten Bezugnahme auf die räumliche Anatomie des Ausstellungsorts. Die nun riesigen Formate sind bedingt durch die Maße der Räume, und das Verhältnis vom Weiss des Papiers und der mit Grafitpulver geschwärzten Flächen reflektiert die Besonderheiten der Architektur an der Wand als Schnittstelle zwischen Raum und gebauter Struktur.

Im Verlauf ihrer intensiven experimentellen Hinterfragung ihrer Arbeitsmaterialien, -prozesse und der Bedingungen ihrer Zeichenpraxis, entstehen zunehmend kleinere Arbeiten, die zunächst unabhängig vom Ausstellungsraum gefertigt sind. Das Andreaskreuz, das die hier gezeigten Arbeiten  gliedert, hält Einzug in Maja Rieders Zeichnung nicht als Zeichen, sondern als Spur des körperlichen Ausmessens eines Formats. Von den Ecken ausgehend, durchmisst und bewältigt sie das Blatt mit breitem Pinselstrich, Tusche und Gouache. Mal verdichten sich die Linien zu einer strukturierten Fläche, oft stehen zwei leuchtende gekreuzte Linien auf dem Blatt. Ganze Papierstapel bezeichnet sie auf diese Weise. Erst am Boden ausgelegt, oder an der Wand gehängt, entstehen Bezüge zwischen den Blättern, ergibt sich der Überblick. So kommt der Raum zurück ins Spiel. Durch die über das Format hinausweisenden Diagonalen erscheinen die auf der Wand arrangierten Blätter als Ausschnitte eines riesigen Netzes, das sich – sonst unsichtbar – in der Zeichnung materialisiert.

Mit dem flüssigen Zeichenmaterial tritt Farbigkeit in Maja Rieders Werk, zunächst in der Auswahl von farbigem Papier als Träger der Zeichnung, dann als Grundierung für die Zeichnungen, die sie nun wie Stücke steifen Tuchs als räumliche Objekte an der Wand präsentiert. In einer Serie großformatiger Arbeiten nutzt sie erstmals Farben für ihre sich auf der Fläche verdichtende Pinselzeichnung. Dabei stellt sich Maja Rieder immer von neuem den Fragen, die simpel erscheinen und alles entscheidend sind: Welches Mittel verlangt nach welchem Werkzeug? Welches Format bedingt welche Pinselbreite im Verhältnis zur Länge und Kraft des Arms, zur möglichen Stärke des Schwungs? Wie soll es gefüllt werden? Ist Farbe notwendig? Welche ist richtig? Hier geht es nicht um Abbild oder Expression, sondern um Zeichnung als Prozess der gedanklichen und konkret körperlichen Auseinandersetzung mit Material.

Bei  Prêt-à-porter (2015) tritt jegliche als expressiv deutbare Geste zurück. Subtile Nuancen entstehen durch mehrere Druckvorgänge, in denen Maja Rieder ganz präzise fünf hölzerne Druckstöcke diagonal auf dem Blatt arrangiert, deren Maserung sich abbildet, wie sonst die Spur des Pinsels. Dieser vermittelte Umgang mit der flüssigen schwarzen Farbe als hauchdünne, fast ebenmässige Schicht schliesst ästhetisch den Bogen zur Anmutung früherer Arbeiten mit aufgeriebenem pulverförmigem Grafit. Auffallend ist die spielerische Dimension dieser Serie. Durch die sachliche Strenge der geometrischen Farbträger eröffnet sich eine grosse Vielfalt für die Setzung der Flächen. Maja Rieder erprobt alle Möglichkeiten der Permutation und so gleicht kein Blatt dem anderen. Auch die Auswahl und das Arrangement sind variabel und werden für jeden Ausstellungsort neu bestimmt. Auf Sockeln präsentiert, schweben die Drucke über dem Parkett und tragen den rhythmischen Wechsel von Linien und Flächen in den Raum.